Zuletzt aktualisiert: Februar 2021

Was der Aufbau des menschlichen Gehirns über Risikofreude aussagt

Manche Menschen sind deutlich risikofreudiger als andere. Verhaltensweisen, die von vielen immer noch als reizvoll angesehen werden – z. B. exzessiver Alkoholkonsum, Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern oder riskante Fahrmanöver mit dem Auto – können jedoch für die Gesundheit, das soziale Umfeld oder den wirtschaftlichen Status sehr gefährlich sein. Jeder Mensch hat eine unterschiedlich starke Neigung zu solchem Verhalten.

Doch woher kommen diese Unterschiede? Dieser Frage wollen wir aufgrund von neuesten Forschungserkenntnissen auf den Grund gehen.

Wissenschaftler der Universität Zürich haben unter der Leitung von Gökhan Aydogan Hirnscans und Verhaltensdaten von über 25.000 Menschen ausgewertet. Dabei haben sie herausgefunden, dass Menschen mit einer erhöhten Risikobereitschaft in Hirnbereichen wie dem Hypothalamus, der Amygdala oder dem ventralen Striatum weniger graue Substanz vorweisen können.

Durch Genanalysen konnte außerdem herausgefunden werden, dass es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genvarianten und weniger grauer Substanz und damit verbundenem riskanten Verhalten gibt, jedoch lasse sich nur ein geringer Anteil des menschlichen Verhaltens durch Gene zu erklären.

Sorgen mehr graue Zellen also dafür, dass wir risikoscheu werden? Dieser Frage wollten die Wissenschaftler aus Zürich auf den Grund gehen. Die Datengrundlage bildete ein sehr umfangreicher Datensatz aus der UK Biobank (eine britische Langzeitstudie): Gesundheits- und Verhaltensdaten von ca. 500.000 Personen.

Im ersten Abschnitt der Studie wurden 12.000 Hirnscans analysiert und mit den Aussagen abgeglichen, die die jeweiligen Personen über ihr persönliches Risikoverhalten gemacht hatten. Dabei fanden die Forscher heraus, dass besonders risikofreudige Menschen im Durchschnitt in einigen Hirnarealen weniger graue Substanz aufweisen können.

Bei grauer Substanz handelt es sich um Teile des zentralen Nervensystems, die aus den Zellkörpern der Neuronen bestehen und für die grundlegenden Funktionen des Gehirns verantwortlich sind, z. B. Entscheidungsfindung, Muskelkontrolle oder sensorische Wahrnehmung. Die Unterschiede im Vorhandensein von grauer Substanz in den betreffenden Hirnarealen blieb auch bestehen, als die Forscher weitere mögliche Einflussfaktoren herausrechneten (wie bspw. Größe des Gehirns, Alter oder Geschlecht).

Zusätzlich bestätigt wurden die Ergebnisse von einem weiteren unabhängigen Datensatz (bestehend aus 13.000 Personen, die als Vergleichsgruppe dienten).

Welche Gehirnregionen sind am stärksten betroffen?

Das Team um Gökhan Aydogan untersuchte zusätzlich, welche Regionen im Gehirn den stärksten Zusammenhang zwischen Risikofreude und einem geringeren Volumen von grauer Substanz aufweisen. Dabei haben sie herausgefunden, dass sich die Zusammenhänge keineswegs nur auf eine einzelne Hirnregion beschränken, sondern sich aufteilen auf:

Amygdala: steuert die emotionale Reaktion auf Gefahrensituationen.

Ventrales Striatum: steuert die Verarbeitung von Belohnungen.

Hypothalamus: steuert vegetative Körperfunktionen durch die Ausschüttung von Hormonen, z. B. Oxytocin oder Dopamin.

Hippocampus: zuständig für die Abspeicherung von Erinnerungen.

Dorsolateralter präfrontaler Cortex: mitverantwortlich für Selbstkontrolle und kognitives Abwägen.

Kleinhirn: wurde bisher vor allem mit motorischen Funktionen in Verbindung gebracht.

Dass auch im Kleinhirn anatomische Abweichungen festzustellen sind, war für die Forscher eine Überraschung. Es wurde zwar schon vermutet, dass diese Region im Hirn auch an der Entscheidungsfindung und Kognition beteiligt sein könnte, jedoch wurde dieser Zusammenhang möglicherweise unterschätzt. Es liegt zumindest die Vermutung nahe, dass das Kleinhirn an Prozessen der Entscheidungsfindung beteiligt ist.

Wie genau sich das Volumen grauer Substanz in bestimmten Hirnarealen auf unser Verhalten auswirkt, muss nun weiter wissenschaftlich untersucht werden.

Die Gene spielen keine große Rolle für unsere Risikobereitschaft

Die Forscher legten ein zusätzliches Augenmerk auf mögliche genetische Veranlagungen für riskantes Verhalten im Bereich der Neuroanatomie – keine einfache Aufgabe, denn Verhaltensmerkmale haben in der Regel eine sehr komplexe genetische Struktur.

Um dennoch aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, erstellten die Wissenschaftler einen sog. polygenen Risikoindex aus einer unabhängigen Teilnehmergruppe, die aus knapp 300.000 Menschen bestand. Mit seiner Hilfe können die Auswirkungen einer Vielzahl verschiedener Genvariationen berücksichtigt werden, die mit riskanten Verhaltensweisen in Verbindung stehen können.

Die Untersuchungen zeigten, dass sich nur ein kleiner Teil von riskantem Verhalten mit dem genetischen Risikoindex in Verbindung bringen lässt. Auch Veränderungen der Hirnanatomie waren nur in sehr geringem Maße festzustellen.

Basierend auf diesen Ergebnissen gehen die Forscher davon aus, dass unsere Gene riskantes Verhalten nicht primär durch ihren Einfluss auf die graue Substanz unterstützen, sondern durch andere Prozesse, wobei es aber auch schwierig sei, genetische Einflüsse von Einflüssen aus der Umwelt zu trennen.

Die Forscher der Universität Zürich haben sich zum Ziel gesetzt, in weiteren Studien das Zusammenspiel von Verhalten, Genen und der Hirnanatomie genauer zu untersuchen, die Beziehungen untereinander zu verstehen und auf diese Weise kausale Zusammenhänge herstellen zu können.

Einen Link zur aktuellen Studie findest du hier.


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