Januar 2021

Videotherapie- und Sprechstunden: Wie gut funktionieren sie?

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind Schulen, Universitäten und Arbeitgeber verschiedenster Branchen gezwungen, den alltäglichen Betrieb durch digitale Alternativen zu ersetzen. Homeoffice und Homeschooling sind schon längst keine Fremdbegriffe mehr. Nicht zuletzt führte aber auch eine blitzartige Digitalisierung des Gesundheitswesens zu neuen Chancen und Herausforderungen der medizinischen Versorgung und Beratung. Am Beispiel der Videosprechstunde bei Ärzten und Psychotherapeuten werden in diesem Beitrag die aktuellen Umstände und potenziellen Zukunftschancen der digitalen Angebote vorgestellt.

Umstellung auf digitale Dienstleistungen

Bereits vor Beginn der andauernden Pandemie war es möglich, Sprechstunden und Therapien im Videoformat durchzuführen. Dieses Angebot wurde allerdings nur in geringem Maße angenommen, da der technische Umstellungsaufwand sowie datenschutzrechtliche Fragen große Hürden darstellten. Zudem erschwerten rechtliche Vorschriften eine unbegrenzte Integration von Videositzungen in den Angebotskatalog vieler Praxen. Für Psychotherapeuten ist die videobasierte Behandlung üblicherweise auf 20 Prozent aller durchgeführten Sitzungen beschränkt. Für Ärzte galt lange Zeit ein striktes Fernbehandlungsverbot, welches aber seitdem durch wiederholte Revision gelockert wurde. Doch auch für Mediziner gilt die 20-Prozent-Begrenzung.

Aufgrund der verschärften Kontaktbeschränkungen zum Schutz gegen das Coronavirus wurden diese Beschlüsse seit dem 1. April 2020 befristet aufgehoben. Durch das Wegfallen des Anfahrtsweges, der Zeit im Wartezimmer und letztendlich dem direkten Kontakt während der Behandlung besteht keine Ansteckungsgefahr. Eine Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) ergab, dass 77 Prozent der teilnehmenden Psychotherapeuten  Videobehandlungen anbieten. Davon nutzen 95 Prozent das Angebot erst seit Beginn der Pandemie. Die Begeisterung für das neue Medium war allerdings vorerst begrenzt, da die Mehrheit der Therapeuten eine weniger effektive Behandlung befürchtete.

Die Realität der videobasierten Behandlung

Bevor die Vor- und Nachteile der Videobehandlungen gegenübergestellt werden, lohnt sich ein Blick auf die tatsächliche Umsetzung der digitalen Angebote.

Prinzipiell wird immer abgewogen, ob eine videobasierte Behandlung im jeweiligen Einzelfall von Vorteil ist. In akuten Fällen wie beispielsweise bei suizidalen Patienten wird die persönliche Behandlung beibehalten, denn das Wohl des Patienten steht weiterhin an oberster Stelle. Sowohl für Ärzte als auch in der Psychotherapie ist ein persönliches Kennenlernen für eine aussagekräftige Diagnose und individuelle Therapieplanung ein entscheidender Vorteil. Momentan ist es allerdings auch möglich, von vornherein eine digitale Behandlung in Anspruch zu nehmen. Gerade für Patienten, die einer Risikogruppe angehören, ist diese Option entscheidend, um Infektionsgefahren zu minimieren.

Nach der Terminvereinbarung finden regelmäßige Sitzungen statt, die üblicherweise per Videochat durchgeführt werden. Vorgeschrieben ist hierfür die Nutzung eines zertifizierten Anbieters. Die vertraulichen Inhalte werden dabei weder an Dritte weitergegeben, noch kann die Unterhaltung mittels anderer Software aufgezeichnet werden. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist daher seitens der Anbieter erforderlich, um die Vertraulichkeit in jedem Fall zu erhalten. Laut der Umfrage des DPtV wurden im Durchschnitt 40 Prozent der Psychotherapien zum Umfragezeitpunkt per Video durchgeführt. In den anderen Fällen haben sich entweder die Patienten selbst oder die Therapeuten gegen eine Videotherapie entschieden.

Hürden des neuen Mediums im Gesundheitswesen

Da die ärztliche Untersuchung und Behandlung per Video in geringerem Umfang anwendbar ist, steht im Folgenden die Psychotherapie im Fokus.

Voraussetzung für eine erfolgreiche digitale Behandlung ist in jedem Fall eine technische Grundausstattung, welche nicht in jedem Haushalt zur Verfügung steht. Das Umfeld ist bei der Therapie ebenfalls entscheidend, da die Räumlichkeit möglichst frei von Störfaktoren sein sollte. Nicht jeder Person steht aber ein separates Zimmer für diese Zwecke zur Verfügung. Mitbewohner, Familienangehörige oder die Geräusche von Maschinen etc. können die Behandlung negativ beeinflussen. Außerdem benötigen die Patienten Privatsphäre, denn nur außerhalb der Hörweite von anderen können die persönlichen Gespräche zwischen Therapeut und Patient zustande kommen.

Selbst wenn ein ruhiger Rückzugsort zur Verfügung steht, garantiert das noch nicht den reibungslosen Verlauf der Sitzung. Der Blickkontakt wird in der Psychotherapie als goldener Standard betrachtet und ist ein wesentliches Mittel, um Vertrauen zum Patienten aufzubauen. Natürlicherweise wird am PC aber eher auf den Bildschirm als direkt in die Kamera geschaut, was diese Methode erschwert. Zudem können bei schlechter Internetverbindung oder technischen Aussetzern wichtige Gesprächsinhalte verloren gehen. Die Kommunikation kann also in manchen Fällen nur stockend erfolgen, was auf Dauer eine enorme Anstrengung für Patienten und Therapeut darstellt. Wer zudem nicht mit digitalen Methoden vertraut ist, baut möglicherweise eine größere Hemmschwelle auf, um vertrauliche Gedanken und Sorgen zu teilen.

Chancen der digitalen Therapie

Der Hauptzweck der Behandlung per Video ist momentan Hilfe bei der Eindämmung der Corona-Pandemie, weshalb die Kontaktbeschränkung in diesem Sinne ein großer Vorteil ist. Die videobasierte Behandlung wurde durch eine blitzartige Digitalisierung vieler Praxen möglich, um Patienten mit psychischen Belastungen weiterhin zur Seite zu stehen. Diese Umstrukturierung birgt zwar viele Herausforderungen, ist in vielen Fällen allerdings eine willkommene Alternative. Die gewohnte Umgebung der eigenen Wohnung bewegt manche Patienten zu einer offeneren Unterhaltung, als es in der Praxis der Fall wäre. Zudem fällt die An- und Abfahrt zum Termin weg, was zeitliche Effizienz sichert. Gerade Menschen mit einem zeitintensiven Berufsalltag oder einer Vielzahl von familiären Verpflichtungen sind dann eher dazu bereit, ärztlichen Rat oder eine regelmäßige Therapie in Erwägung zu ziehen. Auch sogenannte Online-Interventionen können als Therapie-bezogene Aufgaben am Computer gelöst werden, wodurch eine Vielzahl von Methoden außerhalb des Gesprächs angewendet werden kann.

Eine Metaanalyse amerikanischer Forscher wird im Februar 2021 erscheinen, liefert aber bereits eine Antwort auf die wohl wichtigste Frage hinsichtlich videobasierter Therapie. Ist die digitale Behandlung genauso effektiv wie die Therapie vor Ort? Die Analyse von 57 Studien betrachtete die Symptome bei Patienten mit Depressionen, Essstörungen, Zwangsstörungen und weiteren psychischen Erkrankungen und inwiefern diese durch Therapie reduziert wurden. Das Ergebnis zeigte, dass sich die Effektivität von Videotherapie kaum von der bisher üblichen Behandlung unterscheidet. Für das Wohl des Patienten sind demnach beide Methoden gleichwertig.

Die Zukunft der Videotherapie

Nachdem sich zahlreiche Praxen auf die digitale Behandlung eingerichtet haben, stellt sich die Frage, ob diese mit dem Ende der Pandemie wieder abgeschafft wird. Viele Befürworter sind dankbar für den Schritt zu einem digitalisierten Gesundheitswesen, der ansonsten wohl erst deutlich später erfolgt wäre. Aber nicht nur zum Schutz vor Erkrankungen ist die Videotherapie ein wirksames Mittel. Wer sich mitten in einem Umzug befindet, kann trotz des Wohnortwechsels seine therapeutische Behandlung in Anspruch nehmen. Durch direkte Übersetzungssysteme können Menschen mit Migrationshintergrund besser behandelt werden. Auch der Einsatz beim Militär, etwa für Soldaten, die im Ausland stationiert sind, ist nicht zu vernachlässigen.

Die Möglichkeiten der digitalen Sprechstunden und Psychotherapie gehen weit über die Behandlung in Pandemiezeiten hinaus. Durch den Abbau von Barrieren kann somit für bestimmte Patientengruppen eine wirksame und moderne Form der Therapie auch in Zukunft gewährleistet werden.

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