September 2019 Lesezeit 5 Minuten


Multiple Sklerose: Krankheit mit 1000 Gesichtern

Bei der Multiple Sklerose (MS oder Enzephalomyelitis disseminata, kurz ED) ist das zentrale Nervensystem, also Rückenmark, Gehirn und Sehnerv, der Betroffenen chronisch entzündet. Die Erkrankung ist nicht heilbar, Medikamente aber können helfen, die Symptome zu begrenzen. Die Beschwerden sind bei Multiple Sklerose sehr unterschiedlich – auftreten können Gefühlsstörungen, Lähmungen, Sehstörungen, Lähmungen und vieles mehr. Deshalb bezeichnet man sie auch als „Krankheit mit den tausend Gesichtern“.

Bei Multipler Sklerose sind die Nervenfasern entzündet. 

Bis heute sind noch viele Fragen offen, was die genaue Entstehung von MS betrifft. Im Verlauf ist die Krankheit ebenfalls vielgestaltig, sodass auch hier nur wenige, aussagekräftige Prognosen abgegeben werden können. Wichtig jedoch ist: MS ist weder ansteckend, noch zwangsweise tödlich. Mit Muskelschwund oder psychischen Erkrankungen hat die Multiple Sklerose ebenfalls nichts zu tun. Vielmehr ist MS eine Autoimmunerkrankung und greift in die Schaltzentrale des Gehirns ein, von wo aus Signale über das Rückenmark in den Körper weitergeleitet werden. Zuständig dafür sind verschiedene Nervenfasern, die von einer Art Schutzschicht, dem Myelin, umgeben sind. Bei Entzündungen können die Signale und Impulse nicht mehr problemlos gesendet werden.

Frauen deutlich mehr betroffen

Meistens beginnt die Erkrankung im frühen Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Frauen sind von Multipler Sklerose deutlich häufiger betroffen als Männer. In Deutschland beträgt die Anzahl der Fälle rund 200000. Multiple Sklerose kündigt sich nicht langsam an, sondern bricht in den meisten Fällen akut aus, ohne dass die Betroffenen vorher etwas von ihr gemerkt haben. Innerhalb von Stunden können bereits mehrere Symptome in ihrem Vollbild vorliegen. Nur bei wenigen Patienten beginnt MS mit wechselnden Beschwerden mit unterschiedlicher Intensität.

Diagnose häufig nicht leicht

Die ersten Symptome von Multipler Sklerose sind relativ unspezifisch: Gefühlsstörungen in den Armen und Beinen (Kribbeln oder Taubheitsgefühle), Kraftlosigkeit, Ganguntersicherheiten, Müdigkeit, Darmprobleme, Sehstörungen – diese Anzeichen für MS können auch auf andere Erkrankungen schließen lassen. Hinzu gesellen sich Blasenentleerungsstörungen, Sprechstörungen oder/und eine halbseitige Lähmung treten in den meisten Fällen erst später auf. Es kann jedoch vorkommen, dass MS nur mit einem einzigen Symptom auf sich aufmerksam macht. Der weitere Verlauf ist bei jedem Patienten individuell. In den meisten Fällen verläuft MS in Schüben, bei denen sich die Beschwerden deutlich verschlechtern. Ist ein Schub überwunden, verschwinden die Beeinträchtigungen ganz oder teilweise. Ab und an kommen auch weitere Symptome hinzu, die ebenfalls wieder abklingen können. Es gibt jedoch Verläufe, bei denen die Beschwerden mit Ausbruch der Erkrankung kontinuierlich zunehmen und keine Schübe auftreten.

Vielfältige Symptome

Symptome im weiteren Verlauf können sein:

  • - Muskelverkrampfungen und Spastiken
  • - Sprechstörungen
  • - Depressionen
  • - Gefühlsstörungen und Kraftlosigkeit in den Armen und Beinen und eine dadurch bedingte Unsicherheit beim Stehen, Gehen und bei Handbewegungen
  • - Blasenentleerungsstörungen
  • - Darmentleerungsstörungen
  • - sexuelle Störungen
  • - Sehstörungen auf einem Auge
  • - Starke Müdigkeit und schnelle Ermüdung
  • - Konzentrationsprobleme und andere kognitive Einschränkungen
  • - Gesichtslähmung (Trigeminusneuralgie)
  • - Kopfschmerzen
  • - Körperschmerzen
  • - Positives Lhermitte-Zeichen (Nackenkribbeln beim Vorbeugen des Kopfes)
  • - Hirnnervenlähmung

Auch kognitive Einschränkungen

Spastiken sowie Gang- und Gleichgewichtsstörungen betreffen im Verlauf der Erkrankung mehr als die Hälfte der Betroffenen. Genauso wie eine starke Müdigkeit, auch Fatique genannt, Schwächegefühle oder Sehstörungen. Auch das Sexualleben ist bei einem hohen Prozentsatz von MS-Kranken betroffen. Sehr viele Patienten, mindestens 50 Prozent, haben Sehstörungen auf einem Auge, leiden an Sprechstörungen, Darmentleerungsstörungen, kognitiven Einschränkungen sowie sind bei zielgerichteten Bewegungen mit den Fingern oder Händen eingeschränkt. Die Trigeminusneuralgie hingegen tritt seltener auf, ebenso Kopfweh, Körperschmerzen oder das Lhermitte-Zeichen.

Ursachen nicht vollends geklärt

Über die genauen Ursachen von MS können Forscher und Mediziner noch keine vollständige Antwort geben. Vermutet wird jedoch, dass eine Reihe von Faktoren, die gemeinsam vorliegen müssen, die Krankheit auslöst. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das Immunsystem. Der menschliche Abwehrmechanismus schützt den Körper normalerweise vor Krankheitserregern. Allerdings scheint bei Multipler Sklerose ein Teil dieses Mechanismus falsch programmiert zu sein, sodass das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Das führt offenbar zu Fehlsteuerungen bei der Bildung von Zellen, Antikörpern und Entzündungsstoffen im Immunsystem selbst, wodurch es vermutlich zu Schädigungen am Myelin und an den Nervenzellen kommt.

Genetische Veranlagung 

Gleichzeitig diskutieren Forscher auch eine genetische Veranlagung für MS und schließen diese nicht aus. Intensive Forschungen auf dem Gebiet haben ergeben, dass jedoch keine direkte Vererbung der Krankheit möglich ist. Vielmehr geht es um eine Neigung für Multiple Sklerose. Beim Vorliegen einer solchen Prädisposition können verschiedene Faktoren offenbar einen Ausbruch der Krankheit begünstigen. Dazu zählen manche Mediziner unter anderem verschiedene Umweltfaktoren, Infektionen wie Pfeiffersches Drüsenfieber oder Herpes, die Ernährungsweise sowie ein Zusammenspiel mit dem Vitamin D. Im Fokus der Wissenschaftler steht dabei unter anderem das HLA-DRB1-Antigen, das Apolipoproteins E und das Interferon Gamma-Gen.

Aufwändige Untersuchungen

Weltweit versuchen Forscher, die Krankheit besser zu verstehen und analysieren die komplexen Vorgänge im zentralen Nervensystem. Weil der Beschwerdekomplex meistens diffus ist, ist die Krankheit häufig nicht leicht zu diagnostizieren. Um eine MS-Diagnose zu stellen, müssen aufwendige Untersuchungen angeordnet werden. Dazu zählen unter anderem eine Kernspinttomographie, eine Lumbalpunktion und verschiedene Bluttests. Bei der körperlichen Untersuchung prüft der Neurologe die Augen und Hirnnerven auf deren Funktion sowie die Muskelspannung und –kraft. Vielfach wendet der Arzt auch kognitive Tests an und auch Restharnbestimmungen sind möglich, wenn die Patienten unter Blasenentleerungsstörungen leiden.

Behandlung beruht auf vier Säulen 

Die Behandlung der Erkrankung ist in vier Bereiche gegliedert. Bei einem akuten Schub ist in vielen Fällen die Gabe von Kortison oder eine der Blutwäsche ähnlichen Behandlung angezeigt. Parallel dazu ist eine langfristige Immuntherapie  nötig, um die Häufigkeit der Schübe und deren Ausprägung abzumildern. Weitere Beschwerden werden außerdem symptomatisch behandelt. Vielfach wird auch eine Reha angesetzt, um Methoden zur Bewältigung der Krankheit zu erlernen. Doch auch alternative Therapiemethoden wie diverse Enspannungsmethoden, Homöopathie, Akupunktur und  Cranio-sacrale werden ergänzend zur medizinischen Behandlung bei MS angeboten.