Mai 2020 | Lesezeit 5 Minuten


Lieferengpässe bei Medikamenten: Antidepressiva, Schmerz- und Beruhigungsmittel gehen zur Neige

Patienten, die Antidepressiva nehmen, welche derzeit von Lieferengpässen betroffen sind, sollten sich möglichst frühzeitig über Alternativen informieren. Denn ein schneller Umstieg ist bei diesen Arzneimitteln nahezu unmöglich und erfordert fachliche Beratung. Aktuell stellt vor allem das sehr häufig verschriebene Venlafaxin viele Betroffene vor ein Dilemma. Doch auch andere Medikamente werden durch die Corona Krise langsam knapp.

Immer mehr Patienten sind inzwischen von Medikamentenengpässen betroffen und gehen mit ihrem Rezept in die Apotheke, ohne sie einlösen zu können.  

Während früher Medikamentenengpässe eher vereinzelt auftraten und nur von vorübergehender Dauer waren, hat sich die Situation inzwischen verschärft. Im letzten Monat waren es bereits mehrere hundert Medikamente, die beim Bundesinstitut für Arzneimittel als von den Herstellern nicht lieferbar gelistet waren.  

Dabei handelt es sich oftmals um Standardmedikamente wie Schmerzmittel, blutdrucksenkende Mittel oder Antidepressiva, aber auch um einige Impfstoffe, Medikamente zur Krebstherapie oder Narkosemittel. 

Auch vor der Corona Krise war es schwer, regelmäßig an bestimmte Medikamente zu kommen - nun hat sich die Situation noch einmal massiv verschärft. 

Wodurch entstehen Lieferengpässe? 

Als eine der Hauptursachen für Lieferengpässe wird der Kostendruck gesehen: Gerade bei Standardmedikamenten ist der Gewinn für die Hersteller oftmals so gering, dass sich die Herstellung der Wirkstoffe aufgrund der hohen Produktionskosten im Inland oder Europa nicht mehr lohnt und in Länder wie China verlagert werden.  

Hilfsstoffe und Aromen kommen oftmals wieder aus einem anderen Land, bis die entsprechenden Präparate in das Endverbraucherland geschickt werden, wo die Verpackung erfolgt.  

Ein langer Prozess und weiter Weg, bis die gewünschten Arzneimittel hier vor Ort verfügbar sind.

Die langen Lieferketten sind damit wesentlich anfälliger für Ausfälle: So kann bereits das Fehlen oder verspätete Liefern eines der Grundstoffe die gesamte Lieferkette zum Stoppen bringen - ebenso wie technische Probleme in der Produktion oder einfach nur ein plötzlich und unerwartet gestiegener Bedarf, der sich so schnell nicht bedienen und ausgleichen lässt. 

Engpässe werden durch Corona weiter verschärft

Die aktuelle Corona-Pandemie wird Lieferengpässe in den nächsten Wochen voraussichtlich noch massiv verstärken, da die meisten Wirkstoffe in China hergestellt werden – auch wenn sich die dortige Lage nach offiziellen Angaben langsam wieder entspannt, stand die Produktion bei vielen Herstellern in den letzten Wochen komplett still und läuft nur sehr langsam wieder an, was langfristige Folgen auf die Lieferketten haben wird. 

Auch in anderen Ländern, die in die Produktion von Medikamenten für den deutschen Markt eingebunden sind, sieht die Situation ähnlich aus. 

Besonders schwierig wird es, wenn ein bestimmter Wirkstoff nur noch von einigen wenigen Herstellern produziert wird und somit der Lieferausfall von einem Hersteller nicht mehr durch andere Hersteller aufgefangen werden kann.  

Das Gesundheitsministerium versucht dabei zu beruhigen:

"Ein Lieferengpass bei Arzneimitteln führt nicht zwangsläufig zu einem medizinisch relevanten Versorgungsengpass. Denn oft stehen alternative Arzneimittel zur Verfügung", so die Aussage des Ministeriums auf Anfrage von „Hauptsache Gesund“.

Doch wie sehen diese Alternativen aus? 

Originalpräparate durch Zuzahlung als Alternative 

Können bestimmte Medikamente nicht mehr geliefert werden, sind oftmals aber noch die Originalpräparate verfügbar. Ist zum Beispiel das blutdrucksenkende Medikament Irbesartan nicht lieferbar, kann dies durch Aprovel, dem Originalpräparat ersetzt werden. Der Haken: Kassenpatienten müssten rund 150 Euro zu zahlen, denn das Originalpräparat wird eigentlich nur noch für Privatpatienten eingesetzt und die Krankenkassen weigern sich, die Zusatzkosten zu übernehmen. 

Ähnlich sieht es mit Venlafaxin aus, einem sehr häufig verschriebenen Antidepressivum, das in die Klasse der selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSNRI) gehört.

Hier schien die Versorgung zwischenzeitlich unmöglich geworden zu sein. Liefern kann nach wie vor noch der Originalhersteller Pfizer, doch für das Originalpräparat Trevilor muss ebenfalls privat zugezahlt werden: Rund 150 Euro beträgt die Zuzahlung für 100 Kapseln Trevilor á 75 mg. Je nach Dosierung kann ein Patient damit knapp drei Monate auskommen. 

Welche weiteren Alternativen gibt es? 

Wer sich die Zuzahlungen für die Originalpräparate nicht leisten kann, steht oft vor einem Dilemma. 

Gerade bei Antidepressiva, die zwar nicht zu den direkt lebensnotwendigen Medikamenten zählen, ist das Finden eines alternativen Medikamentes sowie die Umstellung hierauf ein mehr als kritisches Unterfangen, wie das Beispiel Venlafaxin zeigt: 

Nach Aussage der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung von Teva kommt Duloxetin dem Venlafaxin am nächsten, da auch die Wirkstoffe von Duloxetin zu der Klasse der SSNRI zählen, allerdings sei die Pharmadynamik unterschiedlich, wie Teva erklärt:  

„Während Duloxetin die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin in einem ausgewogenen Verhältnis hemmt, hemmt Venlafaxin – zumindest im niedrigen Dosisbereich – präferenziell den Serotonin-Transporter, erst in höheren Dosisbereichen zusätzlich den Noradrenalin-Transporter“. 

Als weitere Alternativen gelten trizyklische Antidepressiva, die ebenfalls über eine Hemmung des Serotonin- und Noradrenalin-Reuptakes wirken.  

Diese wirken jedoch zusätzlich blockierend auf eine Reihe von Rezeptoren, weshalb es tendenziell zu häufigeren und stärker auftretenden Nebenwirkungen kommt.  

Weniger Nebenwirkungen zeigen dagegen die SSRI, denen jedoch die noradrenerge Wirkkomponente fehlt. 

Umstellung auf neue Antidepressiva benötigt mehrere Wochen 

Jeder, der selbst Erfahrung mit der Einnahme und auch dem Absetzen von Antidepressiva hat, weiß, dass dies bereits eine Tortur für sich sein kann.

Antidepressiva dürfen bekanntlich niemals abrupt abgesetzt werden und können entsprechend auch nicht von heute auf morgen durch ein anderes und neues Präparat ausgetauscht werden. 

Für Venlafaxin wird empfohlen, diese über einen Zeitraum von mindestens zwei, besser sogar vier Wochen auszuschleichen (wöchentlich geringer zu dosieren). Erst dann kann mit der Einnahme eines neuen Präparates begonnen werden.  

Ein zu schnelles oder abruptes Absetzen kann mit gravierenden Absatzsymptomen einhergehen, und diese sind gerade bei Venlafaxin im Vergleich zu anderen Antidepressiva wesentlich heftiger ausgeprägt.  

Selbst bei Behandlungsende ist für einen Zeitraum von vier Wochen oder länger mit vielfältigen Absatzssymptomen zu rechnen. Hierzu zählen u.a.:  

  • - Psychische Veränderungen (Angstgefühle, Agitiertheit, Verwirrtheit, Benommenheit,          Wahrnehmungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen etc.) 
  • - Neurologische Störungen (Kopfschmerzen, Schwindel, Tremor) 
  • - Vegetative Störungen (Mundtrockenheit, Schwitzen) 
  • - Sehstörungen  
  • - Tinnitus   

Zudem müssen Patienten mit zusätzlichen Nebenwirkungen rechnen, die das neue Präparat mit sich bringen kann. 

Die Umstellung ist damit keine leichte Entscheidung und erfordert eine enge Absprache zwischen Arzt und Patient.

Bei schwerwiegenden Absatzsymptomen kann ggf. auch ein stationärer Aufenthalt sinnvoll sein, der eine medizinische Überwachung ermöglicht. 

Einen praktischen Tipp gibt es allerdings, der das Herunterdosieren bei den oftmals als Kapseln verordneten Venlafaxins erleichtern kann: Eine Marburger Apothekerin berichtet, dass Kunden die Kapseln öffnen und einfach „Kügelchen entnehmen“ - denn Kapseln sind bekanntlich schwer teilbar, wodurch es schwierig ist, die Dosis schrittweise zu reduzieren.  

Es kann sich dementsprechend durchaus lohnen, auch Apotheker auf Wechsel- und Nebenwirkungen sowie Absatzsymptome zu Rate zu ziehen. 

Auch andere Medikamente gehen zur Neige

Wir müssen uns darauf einstellen, dass in den nächsten Wochen und Monaten im Zuge der Corona-Pandemie auch andere Medikamente knapp werden - die ersten Auswirkungen sind bereits bei Narkose-Medikamenten spürbar, insbesondere sind hier die Produkte Propofol und Isufloran betroffen: Da diese zur Versorgung von schweren Corona-Fällen benötigt werden, ist der Bedarf enorm angestiegen und Herstellern fällt es zunehmend schwerer, die Nachfrage zu decken.

Auch das Schmerzmittel Sufentanil und das Beruhigungsmittel Midazolam sind derzeit kaum noch zu bekommen.

Der US-amerikanische Pharmakonzern Baxter, der diese Art von Medikamenten herstellt und einer der größten Zulieferer für den deutschen Markt ist, hat seine Kunden gebeten, im April keine Bestellungen mehr aufzugeben, da diese aktuell nicht bedient werden können.

Auch die Tatsache, dass momentan alle nicht-lebensnotwendigen Operation verschoben werden, kann den Mangel an Medikamenten nicht ausreichend abfedern, da der Bedarf durch Covid-19 weltweite stark angestiegen ist - eine Entspannung der Lage ist im Moment nicht abzusehen.

Die Pharma-Hersteller bitten die Krankenhäuser daher darum, bei kurzfristiger Verfügbarkeit von benötigten Medikamenten keine Hamsterkäufe zu tätigen, um die flächendeckende Versorgung so weit wie möglich sicherzustellen.

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