Mai 2019 Lesezeit 3 Minuten


Bakteriophagen retten 15-Jähriger das Leben

Mukoviszidose ist eine tödliche Erkrankung. Die meisten der betroffenen Kinder starben früher daran spätestens, wenn sie zu Jugendlichen herangereift waren. Durch den medizinischen Fortschritt erreichen die Patienten heute ein Alter von 40 bis 50 Jahren. Nun hat der Fall eines todkranken Patienten für Aufsehen gesorgt. Durch sogenannte Phagen, also Viren, die Bakterien bekämpfen, konnte ein 15 Jahre altes Mädchen eine Infektion mit multiresistenten Keimen überleben. 

Bakterien können von sogenannten Phagen bekämpft werden. Einen 15-jährigen Mädchen rettete dieses Verfahren das Leben. 

Infektion mit multiresistentem Keim

Große Risiken für die Erkrankten entstehen häufig bei einer Lungentransplantation. Auch die 15-Jährige hatte in London eine neue Lunge bekommen, um sich anschließend mit multiresistenten Bakterien zu infizieren. Eine neue Therapie soll der Grund dafür sein, warum der Körper der Patientin den Keim bekämpfen konnte: Speziell für das Mädchen entwickelte Phagen, die sich im Mikrobiom der Darmflora jedes Menschen befinden, halfen ihr, die Infektion mit den  Bakterien zu überwinden. Entwickelt wurden die Phagen an der University of Pittsburgh. Dort existiert die weltweit größte Sammlung von Viren, die Bakterien angreifen. Ganz genau war es das Bakterium Mycobacterium abscessus, das sich im Körper des Mädchens eingenistet hatte – und zwar schon vor der Operation. 

Akute Lebensgefahr

Der Keim, der vornehmlich in Schmutzwasser und verunreinigten Böden gefunden wird, hatte bereits ihre Lunge zu großen Teilen zerstört, was die Transplantation eines neuen Organs notwendig machte. Die Medikamente, die die 15-Jährige nach der Operation nehmen musste, damit die neue Lunge nicht vom Körper abgestoßen wird, unterdrücken die Immunabwehr. Aufgrund ihres durch den Keim geschwächten Zustand schwebte das Mädchen nach dem Eingriff schnell in akuter Lebensgefahr. Die Forscher aus Pittsburgh, die im Fall des todkranken Mädchens mit ins Boot geholt wurden, experimentierten zunächst mit drei verschiedene Arten von Bakteriophagen. Eine, so zeigte sich, zerstörte den multiresistenten Keim effektiv. Bei den anderen beiden Arten veränderten die Wissenschaftler das Genom dahin, dass auch diese das Bakterium Mycobacterium abscessus ausschalten konnten.

Genmanipulierte Viren halfen

 Nach diesen Tests wurden die Phagen vermehrt und dem Mädchen über einen Zeitraum von 32 Wochen zweimal täglich injiziert. Nach etwa vier Wochen war die Infektion mit dem gefährlichen Bakterium bereits eingedämmt, nach und nach heilten auch Abzesse und Bereiche in den Knochen ab. Später wurde der Injektionslösung eine weitere Phagenart hinzugefügt. Die Therapie mit gentechnisch veränderten Phagen ist die erste, die weltweit zum Erfolg geführt hat. Dieses positive Ergebnis ist in Zusammenhang mit zunehmenden Antibiotikaresistenzen von immenser Bedeutung. Dabei ist die Wirkung von Bakteriophagen bereits seit rund hundert Jahren bekannt, als die beiden Wissenschaftler Félix d‘ Hérelle aus Kanada und der Brite Frederick William Twort unabhängig voneinander eine Mikrobe entdeckten, die „dem Ruhrbazillus entgegenwirke“.

Phagen seit 100 Jahren bekannt

​Mit dieser Entdeckung, bei der es sich um Viren handelte, die Bakterien zerstören, indem sie diese als Wirtszelle nutzen, wurden vor der Entdeckung von Antibiotika ab 1919 bakterielle Krankheiten behandelt. Später, mit Aufkommen des Penicillins, verlor diese Therapieform jedoch wieder an Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Resistenzentwicklung bei Antibiotika steht diese Methode jedoch wieder im Fokus der Wissenschaftler. Die Vorteile der Phagentherapie sind zahlreich: Jedes Bakterium besitzt einen natürlichen Feind, der isoliert und eingesetzt werden kann. Phagen bekämpfen darüber hinaus nur jene Bakterien, gegen die sie zum Einsatz kommen. Deshalb kommen andere Mikroben der menschlichen Darmflora nicht zu Schaden. Hinzu kommt, dass nur wenige Nebenwirkungen auftreten.

Bisher keine Leitlinien

​Sind die Bakterien erfolgreich außer Gefecht gesetzt, sterben auch die Phagen und werden vom Körper wieder abgebaut. Diese Faktoren machen Bakteriophagen für die Forschung interessant, jedoch gibt es in Europa keine Leitlinien für eine Behandlung und keine Zulassung für Phagen als Medizinprodukt. Zu diesem Zweck müssen zunächst klinische Studien entwickelt werden. Ein Projekt, bestehend aus Forschern des Fraunhofer-Instituts, des Leibniz-Instituts und der Berliner Charité, wurde bereits mit dem Ziel ins Leben gerufen, Bakteriophagen als zugelassenes Mittel zur Bekämpfung bakterieller Infektionen einzuführen. Grundlage dieser Forschungen ist das multiresistente Bakterium Pseudomonas aeruginosa.

Ergebnisse sollen folgen

Seit 2013 gibt es in Europa außerdem eine Studie, bei der in elf Spezialkliniken zwei Gattungen resistenter Keime (Pseudomonas aeruginosa und Escherichia coli) dahingehend untersucht werden, inwieweit der Einsatz von Bakteriophagen Brandverletzten helfen kann. Diese beiden Bakterien-Arten kommen bei Brandwunden am häufigsten vor. Ergebnisse stehen bislang noch aus.