Zuletzt aktualisiert: Juli 2021

Alkoholkonsum – Wenn das Trinken außer Kontrolle gerät

Während illegale Drogen wie Crystal Meth, Kokain oder Marihuana nur illegal und relativ schwer erhältlich sind, haben es Alkoholabhängige wesentlich leichter, an ihr Suchtmittel zu kommen. Hinzu kommt außerdem, dass alkoholische Getränke zum Teil sehr günstig in jedem Supermarkt, Kiosk oder Tankstelle angeboten werden. Was Alkoholismus genau ist, wie die Krankheit erkannt wird und welche Ursachen sich dahinter verbergen können, erfährst du in diesem Artikel.

Was ist die Definition von Alkoholismus?

Alkoholismus ist eine Suchterkrankung, die sowohl eine psychische als auch eine physische Abhängigkeit beinhaltet. Die Krankheit entwickelt sich normalerweise über mehrere Jahre, sodass der übermäßige Konsum von Außenstehenden oft zunächst unbemerkt bleibt. Betroffene leiden unter einem kontinuierlichen „Suchtdruck“, also dem Verlangen nach alkoholischen Getränken und Entzugserscheinungen, die auftreten, wenn der Konsum über einen längeren Zeitraum eingestellt wird. Alkoholkranke Menschen entwickeln zudem eine zunehmende Toleranz gegenüber Alkohol und vernachlässigen oft ihre anderen Interessen.

Anzeichen von Alkoholismus

In Deutschland sterben pro Jahr im Durchschnitt 74.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Weltweit weist Deutschland mit rund 10 Millionen Betroffenen die höchste Anzahl an Alkoholsüchtigen auf. Von diesen Personen sind ca. 2 Millionen stark abhängig.

Doch ab welchem Zeitpunkt ist von Alkoholismus die Rede? Laut der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen gibt es insgesamt sechs Hauptkennzeichen, die auf eine Sucht hindeuten. Bei Vorliegen von drei oder mehr der folgenden Kennzeichen ist von einer Suchterkrankung auszugehen:

  • Stark ausgeprägter und häufig auftretender Wunsch oder Zwang, Alkohol zu konsumieren
  • Regelmäßiger Kontrollverlust beim Trinken
  • Entwicklung einer hohen Toleranz für Alkohol
  • Entzugserscheinungen bei fehlendem Konsum
  • Andere Interessen werden vernachlässigt
  • Konsum wider besseren Wissens (z. B., wenn die betreffende Person noch Auto fahren muss)

Extremes Verlangen

Sämtliche Gedanken drehen sich um die Sucht sowie die Beschaffung des Suchtmittels. Diese Gedanken schränken den Betroffenen stark ein und hindern ihn daran, einen strukturierten Alltag zu führen.

Verlust der Kontrollfähigkeit

Anfänglich ist es vielleicht nur ein Bier mit den Arbeitskollegen nach Feierabend, mit der Zeit zeigen Betroffene jedoch ein immer stärker ausgeprägteres Verlangen, sodass sich der Konsum irgendwann nicht mehr nur auf die Abendstunden beschränkt. Irgendwann wird der Alkohol benötigt, um den Alltag bewältigen zu können oder Stresssituationen zu meistern. Das Leben wird mit der Zeit immer mehr durch den Konsum bestimmt – eine Situation, die nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für deren Familie eine harte Belastungsprobe darstellt.

Toleranzentwicklung

Menschen können sich an bestimmte Gewohnheiten oder Gegebenheiten sehr schnell anpassen. Gleiches trifft auch auf den Alkoholkonsum zu. Die wenigsten Gewohnheitstrinker konsumieren wegen des angenehmen Geschmacks, sondern vor allem aufgrund der berauschenden Wirkung. Langfristig kann diese Wirkung nur erzielt werden, wenn der tägliche Konsum immer weiter gesteigert wird. Menschen, die täglich viel Alkohol konsumieren, entwickeln mit der Zeit eine hohe Toleranz. Das bedeutet im Umkehrschluss: Sie brauchen immer mehr, um die gewünschte Wirkung zu spüren, weil sich der Körper an große Mengen gewöhnt hat.

Entzugserscheinungen

Entzugserscheinungen stellen sich ein, wenn der Betroffene über einen bestimmten Zeitraum keinen Alkohol konsumiert. Diese Symptome laufen sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene ab. Psychisch macht sich der Entzug durch Schwitzen, Kreislaufbeschwerden, Zittern und Schlafstörungen bemerkbar, auf der psychischen Ebene kann es zu gesteigerter Aggression, Angst oder depressiver Stimmung kommen. Die Symptome können auch davon abhängen, ob der Betroffene primär weiche Getränke (z. B. Bier) oder harten Alkohol zu sich nimmt.

Vernachlässigung der eigenen Interessen

Ein weiteres Merkmal für Alkoholismus ist, dass andere persönliche Interessen zunehmend vernachlässigt werden. Dinge, die früher Spaß gemacht haben, bereiten keine Freude mehr, das Leben wird zunehmend von der Sucht bestimmt. Die Gedanken von Betroffenen kreisen kontinuierlich um Alkohol oder seine Beschaffung, was zur Folge hat, dass man sich z. B. immer mehr aus dem Familienleben zurückzieht und soziale Kontakte zunehmend meidet.

Alkoholkranken Menschen ist in der Regel durchaus bewusst, dass der hohe Konsum mit physischen und psychischen Folgen einhergeht, das Verlangen nach dem Suchtmittel ist jedoch oft irgendwann so groß, dass selbst das Risiko, bspw. den Arbeitsplatz oder die eigene Familie zu verlieren, eingegangen wird.

Die Folgen der Suchterkrankung

Alkoholkonsum bringt sowohl Kurzzeit- als auch Langzeitfolgen mit sich. Die Kurzzeitfolgen treten unmittelbar nach dem Konsum auf und äußern sich vor allem durch kognitive und psychische Verhaltensauffälligkeiten. Die Langzeitfolgen spielen sich sowohl auf medizinischer, sozialer als auch mentaler Ebene ab.

Viele Menschen greifen zum Alkohol, weil mit dem Rausch Hemmungen fallen, sich die Stimmung hebt und es teilweise zu einer euphorisierenden Wirkung kommt. Auf der anderen Seite sind Folgen wie Desorientierung, Wahrnehmungsstörungen und eine Beeinträchtigung der sprachlichen Kommunikation kennzeichnend. Manche Menschen neigen auch zu aggressivem Verhalten, wenn sie zu viel Alkohol konsumiert haben.

Das erste Organ, welches durch den Alkoholismus in Mitleidenschaft gezogen wird, ist die Leber, die am Abbau des Alkohols maßgeblich beteiligt ist. Wird sie durch übermäßigen Konsum überfordert, kann es zu einer sog. Fettleber kommen, die im späteren Verlauf in einer Leberzirrhose oder sogar in Leberkrebs münden kann.

Auch das Gehirn kann durch Alkoholkonsum schwer geschädigt werden. Es reicht bereits ein geringer Konsum, um die Gehirnaktivität negativ zu beeinflussen. Alkohol hat einen negativen Einfluss auf die Leistung der Neurotransmitter, während die Bildung von Gamma-Aminobuttersäure gefördert wird. Letzteres reduziert die neuronalen Aktivitäten im Gehirn, wodurch die Gedächtnisleistung erheblich herabgesetzt wird und es zu Konzentrationsstörungen oder Ausfällen des Kurzzeitgedächtnisses kommen kann. Des Weiteren steigt die Anfälligkeit für Demenzerkrankungen.

Auch im Verdauungstrakt entfaltet das Ethanol seine schädliche Wirkung. Bemerkbar macht sich dies durch Magenschleimhautentzündungen oder Magen-Darm-Probleme. Menschen, die unter Alkoholismus leiden, haben wesentlich öfter mit Erbrechen oder Durchfall zu kämpfen als Personen, die keinen Alkohol konsumieren.

Starke Trinker nehmen zudem oft kaum noch feste Nahrung zu sich und decken ihren Kalorienbedarf fast ausschließlich mit Alkohol, was mit der Zeit zu erheblichen Mangelerscheinungen führen kann.

Ursachen für Alkoholkonsum

Viele Menschen haben ihren ersten Kontakt mit Alkohol in ihrem familiären Umfeld - wenn einem Kind vorgelebt wird, dass Alkoholkonsum zum Alltag gehört oder als Mittel zur Stressbewältigung eingesetzt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es im Erwachsenenalter zu einem kritischen Konsum kommt.

Maßgeblich für die Suchterkrankung kann auch die persönliche psychische Belastbarkeit oder traumatische Erfahrungen sein. Nicht alle Menschen, die in der Kindheit Verluste hinnehmen mussten oder belastenden Situationen ausgesetzt waren, werden automatisch alkoholabhängig. Es hängt vor allem von der Persönlichkeit und der individuellen Konstitution ab, ob Alkohol als Betäubung oder zur Stressbewältigung eingesetzt wird.

Alkoholismus tritt zudem häufig in Verbindung mit einer Depression auf. Diese ist bei vielen Menschen, vor allem bei Männern, oft von Außenstehenden nicht zu erkennen. Betroffene versuchen, durch Alkoholkonsum ihre Gedanken und Emotionen zu betäuben – dadurch werden diese jedoch oft nur weiter verstärkt. Wird der Alkoholkonsum daraufhin noch gesteigert, kann es zu einem Teufelskreis kommen.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Der erste Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt, der anhand verschiedener Fragen herausfindet, ob ein Patient an Alkoholismus erkrankt ist.

Im Anschluss findet oft ein Entzug statt, darauf aufbauend kann eine Therapie erfolgen. Der Entzug kann stationär oder ambulant ablaufen, wobei Letzteres nur für leichtere Ausprägungen der Krankheit in Frage kommt. Bei mittleren und schweren Ausprägungen ist ein stationärer Entzug unabdingbar. Zum einen hat der Patient auf diese Weise nicht die Möglichkeit, sich Alkohol zu beschaffen, zum anderen gibt es im Krankenhaus spezielle Strukturen, die beim Entzug unterstützen.

Eine darauf aufbauende Langzeittherapie kann ebenfalls stationär oder ambulant erfolgen. Entscheidet sich der Betroffene für eine ambulante Therapie, wird diese in der Regel in einer Tagesklinik durchgeführt, nach Ende des Tagesprogramms darf der Betroffene wieder nach Hause. Diese Therapieform ist normalerweise für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten ausgelegt, allerdings ist die ambulante Therapie nicht für alle Patienten gleichermaßen geeignet, da die Gefahr, am Abend rückfällig zu werden, besonders groß ist.

Die stationäre Langzeittherapie wird oft an einem speziellen Kurort angeboten und erstreckt sich auf einen Zeitraum von mindestens drei bis maximal sechs Monaten. Patienten stehen hierbei oft eine Vielzahl an Therapien und sportlichen Aktivitäten zur Verfügung. Zudem wird den Betroffenen wieder eine Struktur im Alltag gegeben, die durch die Alkoholsucht oft verloren gegangen ist.

Ebenfalls können Tabletten zum Einsatz kommen, die die Symptome einer Alkoholunverträglichkeit hervorrufen und bei einem Rückfall Übelkeit und Erbrechen verursachen.

Solche Medikamente sollten allerdings nur begleitend eingesetzt werden und nie als einzige Maßnahme. Begleitend können ggf. Gruppentherapie, Ergotherapie oder Reittherapie zum Einsatz kommen. Viele Einrichtungen bieten darüber hinaus noch diverse sportliche Aktivitäten wie Yoga und Qigong an oder integrieren verschiedene Achtsamkeitsübungen in den Tagesablauf.

Wenn Betroffene bereits mehrere erfolglose Therapien hinter sich haben, kommt in manchen Fällen eine Adaption infrage. Diese schließt an die Langzeittherapie an und hilft betroffenen Personen bei der Wiedereingliederung in einen geregelten Alltag. Solche Personen leben bspw. in Wohngruppen zusammen, die sich an ihrem Heimatort befinden. Sportliche Aktivitäten, umfangreiche Therapien und der Austausch mit anderen sind ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses. Gleichzeitig erhalten sie z. B. auch Hilfe bei Bewerbungsverfahren und der Bewältigung alltäglicher Aufgaben.

Sollte der Betroffene nach dieser Wiedereingliederung immer noch das Gefühl haben, dem Suchtdruck alleine nicht standhalten zu können, kann auch im weiteren Verlauf der Suchtbekämpfung ein Konzept für betreutes Wohnen in Erwägung gezogen werden.

Erst wenn Patienten mindestens sechs Monate keinen Alkohol zu sich genommen haben (die Therapie zählt nicht zu diesem Zeitraum), ist eine Anschlusstherapie zur Behandlung eventueller Depressionen möglich. Wenn eine Depression vorliegt ist es äußerst wichtig, diese ebenfalls ausreichend zu behandeln, da sie oft die Ursache von problematischem Alkoholkonsum ist. Findet hier keine Behandlung statt, sind Rückfälle sehr wahrscheinlich.

Alkoholismus ist nicht heilbar. Wenn jemand eine Alkoholsucht entwickelt hat, wird sie zum lebenslangen Begleiter. Trockene Alkoholiker können jedoch lernen, mit ihrer Situation umzugehen, wichtig hierbei ist vor allem eine Unterstützung durch das unmittelbare Umfeld. Örtlichkeiten wie Gaststätten, Restaurants oder Biergärten, in denen Alkohol ausgeschenkt wird, sollten vor allem in der Anfangsphase möglichst gemieden werden. Auch im Haushalt sollten Lebensmittel entfernt werden, die der Betroffene mit Alkohol in Verbindung bringen könnte oder die Alkohol enthalten (z. B. manche Sorten von Pralinen).

In den allermeisten Fällen ist eine bloße Reduzierung des Konsums nicht möglich - das Einzige, was in dieser Situation wirklich hilft, ist der komplette und dauerhafte Verzicht auf Alkohol. Solltest du oder jemand in deinem Umfeld einen problematischen Alkoholkonsum haben, können wir nur raten, sich dem Hausarzt oder entsprechenden Beratungsstellen anzuvertrauen.

Unter der folgenden Adresse findest du eine erste Anlaufstelle, um mit dem Trinken aufzuhören: www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/suchtberatung

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